IG Klettern Frankenjura, Fichtelgebirge und Bayerischer Wald

Weg durch den Fisch

Bericht von Klemens Nicklaus

Der "Weg durch den Fisch", auch kurz "Fisch" genannt, ist die ultimative Kletterroute durch den zentralen Plattenpanzer der Südwand der Marmolada d'Ombretta in den Dolomiten. Im Jahr 1981 mit, für diesen Wandabschnitt, minimalem technischen Aufwand und ohne Bohrhaken erstbegangen, ein Geniestreich der beiden Tschechen Koller und Sustr. In diesem Jahr habe ich mit dem Klettern angefangen und natürlich auch die damalige Presse über nationale und internationale Gegebenheiten verfolgt. In einer Ausgabe der Zeitschrift "Alpinismus" wurde speziell die Südwand der Marmolada betrachtet. Dort waren sehr viele neue Routen von Heinz Mariacher und seinen Freunden aufgeführt, der "Weg durch den Fisch" war jedoch noch nicht genannt, sondern nur der Versuch von Mariacher selbst in den Silberplatten. Im 1982 aktuell erschienenen Führer über die Marmolada war dieser Weg dann als 7/A1 aufgeführt und wurde erst einmal, aufgrund der angegebenen technischen Kletterei, weniger beachtet. Im Jahr 1983 war ich mit meinem Bruder zum ersten Mal zum Klettern in den Dolomiten, und auch eine Route an der Südwand der Marmolada stand auch auf unserem Programm. Wir hatten uns die "Via dell' Ideale" ausgesucht, aber insgeheim hatte ich damals auch schon ein Auge auf den "Fisch" geworfen. Kletterstellen im siebten Grad konnte ich damals schon klettern, und vor A1, selbst mit Cliffhänger hätte ich auch keine Angst gehabt. Zum Glück war das damals nur ein Hirngespinst, denn nach dem Bericht von Heinz Mariacher über die erste Wiederholung der Route im Jahr 1984, war auf einmal klar, dass es sich beim "Fisch" um eine der schwierigsten und anspruchs-vollsten Kletterwege im gesamten Alpenraum handelt.

Eine Legende entstand, und ich bin schon immer empfänglich für solche Herausforderungen gewesen. Der Wunsch, den "Weg durch den Fisch" irgendwann einmal zu klettern war erweckt und trotz der psychischen Anforderungen nicht mehr zu löschen. Seit dem ist jedoch viel Zeit vergangen, ich hatte sogar für eine längere Zeit die Kletterschuhe an den Nagel gehängt. Als ich 2004, nach der 6-jährigen Pause, wieder mit dem Klettern angefangen habe und nach kurzer Zeit auch wieder im 9ten Klettergartengrad klettern konnte, war der Traum vom "Fisch" wieder Realität geworden, nur braucht man dazu einen geeigneten Kletterpartner. Der war gar nicht so leicht zu finden, da immer weniger Leute zum Klettern ins Gebirge fahren. Und wenn, dann sind sie eher auf Plaisierrouten fixiert und nicht auf psychisch anspruchsvolle lange Routen. Es war also doppelt so schwer, jemanden dafür zu begeistern. Da konnte es leicht sein, dass der "Fisch" doch nur ein Traum bleiben würde.

Im Herbst 2008 habe ich dann beim Alpin-Klettertreffen "Goldener Oktober" wohl irgend wann mal den Fischwunsch geäußert und Stefan, ein Kletterer aus Ulm, ist darauf aufgesprungen und hat sich begeistert von der Idee gezeigt und dann die Initialzündung für das Projekt gegeben. Wir hatten grob für den Sommer 2009 einen Termin ausgemacht. Den Winter über habe ich dann ein bisschen im Internet recherchiert und einige Information, sowie einige Bilder gefunden, die mir ein etwas angenehmeres Bild von der Route verschafften. So langsam fing der Traum an realistische Züge anzunehmen. Je realistischer diese Züge wurden, um so häufiger wechselten sich bei mir dann aber auch euphorische und respekteinflößende Gefühlszustände ab. Immer wieder kamen auch Zweifel auf. Mit dem "Fisch" ist es wie mit einer Triathlon-Langdistanz. Wenn man so etwas machen will, muss der Kopf irgend wann sagen: "Das kann ich, ich schaffe das", erst dann ist man bereit dafür. So erging es mir im Frühjahr 2009 auch mit dem "Fisch". Ich dachte mir: "Ich kann das, das muss gehen".

Anfang Juli war die Zeit dann gekommen, das Wetter schien sich zu stabilisieren, es gab eigentlich keine Ausreden mehr. Der Termin war fixiert, am Wochenende vom 11./12. Juli wollten wir den Weg in Angriff nehmen. Immer wieder stieg diese Nervosität in mir auf, und immer wieder ging ich die Führerliteratur und Informationen durch und versuchte mir mit Hilfe von Etappenplänen die Route zu strukturieren und vereinfacht zu veranschaulichen. Es half.

Erster Anlauf

Am Freitag sind wir um 13 Uhr in Blaustein losgefahren und ohne Hindernisse gut in die Dolomiten durchgekommen. Unter der Marmolada angekommen mussten wir uns jedoch erst einmal in der Kneipe des Campingplatzes einnisten, da es angefangen hat, wie aus Eimern zu schütten. Es war zwar noch Niederschlag für den Abend gemeldet, aber das war des Guten zu viel. Der Regen dauerte ca. eine Stunde und uns war klar, dass die Wand komplett nass sein würde. Beim Aufstieg zur Hütte hat sich das natürlich auch bestätigt. Aber da es sich um Plattenkletterei handelt, dürfte dieser Wandabschnitt morgen recht schnell abtrocknen, so waren wir also optimistisch. Am Morgen, nach einer Nacht mit schlechtem Schlaf, war dies dann auch der Fall. Die Wand war fast trocken. Wegen der Nässe gingen wir jedoch mit einer geplanten Stunde Verspätung zum Einstieg, der leicht zu finden war. Zwei brüchige Überhänge bildeten den Zugang zur plattigen Wand, die sich ziemlich borstig der Begehung entgegenstellten. Da hat Stefan schon ganz schön Zeit gebraucht. Die zweite Seillänge, ein grauer Riss war leider noch richtig nass. Eigentlich waren die Verhältnisse so schlecht, dass die Kletterei nicht ungefährlich war und ich wollte gar nicht einsteigen. Nur, hier schon aufgeben, das wäre bitter gewesen, und das wollte ich nicht. Also wurstelte ich mich irgendwie, Keile legend den unangenehmen Riss hoch. Auch das hat viel Zeit gekostet. Die Wegfindung war dann nicht ganz klar, so dass auch die nächste Seillänge, eigentlich nicht schwer, zuviel Zeit benötigten.

Ein kleiner Überhang blockierte den Weg zu den leichten Rampen, die wir dann doch flott klettern konnten. Nach etwa drei Stunden waren wir am Beginn der eigentlichen Schwierigkeiten, dem unteren Verschneidungssystem. Stefan war an der Reihe und kletterte konsequent hoch, obwohl man alles selbst absichern musste. Auch im weiteren Verlauf musste alles selbst abgesichert werden und die Schwierigkeit hat mittlerweile den oberen 6ten Grad erreicht. Das ist anspruchsvolle Kletterei, man darf sich keine Fehler erlauben. Auch hier waren wir sehr langsam, und so verloren wir Seillänge um Seillänge immer mehr Zeit. Ein Erreichen des oberen Bandes wäre an diesem Tag ganz sicher nicht mehr möglich gewesen. Zu allem Verdruss hat sich die Sonne mittlerweile hinter den Wolken versteckt, es wurde kalt. Stefan ging die erste Plattenseillänge an, die sich steiler entpuppte als erwartet. Es glich einem Puzzlespiel, den richtigen Weg und die wenigen Sicherungsmöglichkeiten zu finden und auszunutzen. 30 Meter Lochwand, ohne Haken. Die nächste, also meine Seillänge erwies sich etwas strukturierter, so dass die Sicherungspunkte etwas besser zu finden und schneller anzubringen waren. Nur hat sich der Himmel mittlerweile so verdunkelt, dass wir mit baldigem Regen gerechnet haben. Inzwischen musste ich mir auch meine Jacke und meine Mütze unter dem Helm anziehen. Die Motivation war bei uns beiden am Boden und wir haben uns, noch unausgesprochen, innerlich schon auf einen Rückzug eingestellt. Das war auch kein Problem, denn bisher waren alle Standplätze abseiltauglich gewesen.

Als Stefan die 11.Seillänge in Angriff nahm, öffneten sich dann auch die Himmelspforten, aber es regnete nicht, sondern Graupelkörner sind die steilen Felsplatten hinuntergehüpft. Es war ein kurioser, aber auch faszinierender Anblick. Es war nicht stark, aber jetzt waren wir uns einigen und haben es auch ausgesprochen, dass wir nach dieser Seillänge zum Rückzug blasen werden. Es dürfte so gegen 15 Uhr gewesen sein. Die Abseilaktion verlief mit Ausnahme eines Seilhängers ganz gut und so konnten wir uns beim Abstieg zur Hütte das fürs Biwak gedachte Bier gönnen und unsere Wand, in der mittlerweile dunkle Wolken bis unterhalb des Fisches hingen, noch einmal betrachten. Ganz schön ausgelaugt haben wir den Abstieg zum Auto angetreten. Am nächsten Tag haben wir dann noch eine kurze Kletterei an den Cinque Torre gemacht, damit wir nicht ganz umsonst in den Dolomiten waren. Schon auf der Heimfahrt hat sicher jeder für sich das Erlebnis noch einmal Revue passieren lassen, und ich denke, dass bei uns beiden recht schnell klar war, dass wir dieses Jahr noch einmal einen Versuch starten würden. Bei etwas besseren Verhältnissen dürften wir, aufgrund des neuen Wissensstandes deutlich schneller durch den unteren Bereich kommen und auch die schweren Seillängen, haben zumindest bei mir, mittlerweile etwas an Schrecken verloren.

Der zweite Anlauf

Mittlerweile waren schon wieder 6 Wochen vergangen und Wochenende für Wochenende hatte der Wetterbericht Gewitterneigung gemeldet. Kein guter Sommer für Wochenendalpinisten. So hoffte ich, dass sich Ende August, Anfang September das Wetter doch noch etwas stabilisiert und wir noch ein mal einen Versuch starten können. Man sollte die Früchte ernten, wenn sie reif sind und ich bin momentan in guter Form und bereit, die Frucht, äh den Fisch zu ernten, äh zu angeln, äh.... , ach was weis ich.

Es ist Ende August und der Wetterbericht hat ab Sonntag stabiles Hochdruckwetter vorausgesagt. Da es terminlich wohl die letzte Möglichkeit für uns für dieses Jahr sein würde, haben wir beide für Montag Urlaub angemeldet und uns für einen zweiten Anlauf verabredet. Am Samstag ging es dann in zähem Urlauberverkehr in die Dolomiten. Da die Gastronomie auf der Falierhütte teuer und nicht gut ist, haben wir in Canazei noch einen Pizzastop, als letzte Grundlage für die lange Tour, eingelegt. Danach sind wir in der Dämmerung zur Hütte aufgestiegen. Anmeldung, ein schnelles Bier und dann ab ins Lager. Geschlafen hab ich in der Nacht ganz wenig, und so war es auch kein Problem kurz vor 6 aus dem Bett zu kommen. Ein schneller Kaffee, dann ging es schon los Richtung Einstieg. Mit uns starteten noch zwei weitere Seilschaften in die Route "Don Quixote", im "Weg durch den Fisch" waren wir zum Glück alleine.

Wie beim ersten Versuch überlegt, haben wir die erste Seillänge rechts umgangen und sind so recht leicht zum Einstieg des grauen Risses gekommen, der dieses mal trocken und in diesem Zustand sogar richtig gut zu klettern war. Mit dem Wissen vom ersten Versuch konnten wir die unteren Seillängen deutlich schneller klettern und auch deutlich besser genießen als beim ersten Mal. Und auch die Sonne hat sich deutlich öfter gezeigt, auch wenn immer wieder Wolkenschwaden die Sonne verhingen. Irgendwie hatte ich dieses Mal keine Angst, dass der Wetterbericht wieder falsch sein würde. Um 12.30 Uhr, ganze zweieinhalb Stunden schneller als beim ersten Versuch, waren wir am Umkehrpunkt unseres ersten Versuches und damit auch an der ersten schweren Seillänge der Route, dem "Quergang mit den weißen Streifen" angelangt.

Wie geplant war ich an der Reihe. Von all den Artikeln die ich gelesen hatte, wusste ich, dass das eine sehr schwere Seillänge wird, und hier ist auch Jörg bei seinem letzten Versuch gestürzt und hat sich den Arm gebrochen. Also war ich höchst konzentriert bei der Sache. Einigermaßen gängig ging es zu einem Absatz, von wo der Quergang startete. An den Füßen zwei mäßige Haken erwirkten nicht gerade ein wohles Gefühl. Der nächste Haken steckt 5 Meter links davon, davor eine glatte Platte, ohne Löcher, und somit auch ohne Sicherungsmöglichkeit. Links oben ist eine gute Leiste, die ich erreichen müsste, aber unter 1,90 Meter Größe ist es unmöglich diese ohne unsicherem Kletterzug zu erreichen. Selbst nach mehreren Versuchen traue ich mich nicht, diese Stelle zu klettern. Noch einmal wird der ganze Fels abgescant, ich will da rüber. Als einzige Möglichkeit sehe ich einen Cliff-move. Auf den Startgriff, einer kleinen Leiste platziert, belaste ich den Cliff langsam, steige in die Leiter und kann so die passable Leiste erreichen. Hoffentlich ist das keine Sackgasse. Ich wechsle die Hand und platziere meinen Cliff neben der Hand auf der Leiste um wenigstens eine Pseudosicherung zu haben. Jetzt heißt es links abwärts zu einer weiteren Leiste zu gelangen, um von dort den Haken zu erreichen. Das geht mit Mut und ich bin froh, dass im Haken eine Schlinge hängt, so dass ich mich schnell reinpendeln lasse und den Haken klinke. Pfhhhh, erst einmal durchschnaufen. Zum nächsten Haken hoch im Riss ist es weit und irgendwie bin ich der Meinung, dass dort beim letzten Mal eine Schlinge hing. Das hätte mir einiges an Zeit und auch an psychischer Anforderung erspart, wäre aber auch nicht astrein gewesen. So klettere ich hoch und kann einen guten Camalot im Riss platzieren und den Weiterweg erkunden. Zum Haken komme ich jedoch immer noch nicht, also noch mal klettern. Ich versuche mit dem passablen Piazgriff hoch zu kommen, finde aber keinen Tritt, der mir taugt. Also wieder in die Trickkiste greifen.

Dieses Mal ist es ein Mini-Friend im offenen Riss. Ich traue ihm keinen Cent und so kommt, was kommen muss, er rutscht raus, und ich fliege in den darunter liegenden Keil. Der hält, was zumindest ein bisschen Vertrauen gibt. Was tun? Eine andere Keilgröße wählen und besser platzieren, eine andere Möglichkeit habe ich nicht. Im zweiten Versuch klappt es dann, den Haken zu erreichen und auch gleich weiter zum nächsten zu gelangen. Erwähnt sollte hier vielleicht noch werden, dass diese Haken keineswegs gut platziert erschienen. Eine hohl klingende Untergriffschuppe führte hoch zum Stand. Darunter musste ich noch einmal einen Friend schieben und als ich dann in die oberste Sprosse der Leiter steigen wollte gab es ein komisches Geräusch unter der Schuppe. Jetzt bitte halten dachte ich mir, sonst geht es hier tierisch ab. Der Friend hielt zum Glück und ich konnte die Schlinge vom Stand erreichen. Wie ich schon im Vorfeld gelesen hatte, war der Stand nicht gerade prächtig und absolut unbequem, aber ein Überklettern zum nächsten Stand war auf Grund des Seilzuges nicht möglich. Außerdem wollte ich Stefan im Nachstieg auch im Blick haben. Also Standplatz hintersichern, Hängestand bauen und nachsichern. Auch Stefan fand keine Lösung um an die Leiste zu gelangen und nach reichlicher Überlegung hat er sich zum kontrollierten Pendelsturz entschieden. Ich ging voll auf Zug und versuchte mit ganzer Kraft den Zug auf den Stand so gering wie möglich zu halten. Das klappte gut und so erreichte Stefan nach einiger Anstrengung den Stand, wo mir mittlerweile kalt war, weil sich die Sonne kurz verzogen hatte.

Eineinhalb Stunden hat uns diese Seillänge gekostet. Meine Motivation war auf einem Tiefpunkt angelangt. Ich sprach es offen aus, dass dies keinen Spaß macht, und wenn die weiteren schweren Seillängen auch dieses Kaliber hätten, ich wohl abbrechen würde. Stefan baute mich aber ein wenig auf und meinte, dass wir doch zumindest noch die nächsten Seillängen begutachten sollten, bevor wir über einen Rückzug nachdenken. Im Nachhinein bin ich ihm dafür sehr dankbar. Dass die Motivation am Boden war zeigte sich aber auch bei Stefan, der in der folgenden Länge stark zu kämpfen hatte und sogar einen 6-Meter Sturz psychisch verkraften musste. Nun standen wir unter der mächtigen seichten Verschneidung, die im Rechtsbogen hoch zum Fisch führt. Sie sah noch beeindruckender aus als auf den vielen Bildern, die ich schon gesehen hatte. Ich war wieder an der Reihe. Zum Glück ist mittlerweile wieder die Sonne hervor gekommen, meine Stimmung steigerte sich wieder und so ging ich voller Erwartung eine der Schlüsselseillängen an. Irgendwo in der grauen Lochwand sind vereinzelt Sicherungspunkte zu sehen, was für mich immer ein gutes Zeichen ist, da ich mich dann besser konzentrieren kann, diese auch zu erreichen. In richtig guter Freikletterei komme ich gut voran, bis ich völlig überstreckt in eine ausgeblichene, angerissene Schlinge greifen kann. Es ist keine SU, sondern ein fixer Tricam. Wenn diese Schlinge mal reist, dann wird es hier aber ganz schön bitter, denke ich mir, aber das soll dann Andere kümmern.

Ab hier ist es bis zur nächsten Sicherung in 4 Metern Entfernung ziemlich glatt und mir ist sofort klar, dass hier die Cliffs zum Einsatz kommen. Nur, beim ersten Anblick war mir nicht ganz bewusst, wo? Wie bei all den noch folgenden Cliffstellen waren es absolut kleine Miniaturlöcher, die gerade für einen Cliff Platz boten und man musste schon gut hin-schauen, wo diese waren. Also, Cliff ins Löchli, Karabiner einhängen, dass Zug oder Druck drauf kommt, je nach dem wie man es betrachtet. Dann mit dem Körper belasten, Leiter einhängen und in die Sprossen steigen. Langsam an Höhe gewinnen, bis man das nächste Cliffloch erreicht. Scheiße, mein Cliff ist zu breit, und in dem Schmalen stehe ich gerade drinnen. Das aber auch immer wieder solche Situationen aufkommen müssen. Irgend wie schaffe ich es doch den Cliff etwas schräg zu platzieren. Er verklemmt sich ganz gut, nur darf jetzt nichts vom Fels wegplatzen, sonst werde ich abgehen. Er hielt glücklicherweise, und aus der obersten Sprosse erreiche ich die SU-Schlinge, die nächste rettende Sicherung. In guter Lochkletterei im 7ten Grad ging es nun rechts hoch zum Stand, den ich recht schnell erreichte. Es war die schönste Seillänge der Route, und es ging auch deutlich besser als in der ersten schweren Länge. Meine Motivation stieg wieder an. Jetzt war für Rückzugsgedanken kein Platz mehr.

Die nächste kurze Seillänge bot noch einen heiklen Quergangszug, auch hier ist der 7.Grad wieder zwingend zu klettern, bevor eine 8- Stelle den Weg versperrte, die ich jedoch mit einem Cliffzug umging, da auch hier die Absicherung nicht so toll war. Jetzt war der Weg frei zum Fisch, der geräumigen Felsnische in Form eines Wales, mitten in der glatten Plattenwand, die dem Weg den Namen gibt. Stefan umgeht den ersten Zug noch einmal mit einem geplanten Pendler, dann ist auch er im Fisch. Hier gönnen wir uns erst ein mal eine kurz Pause. Wir trinken und essen und besprechen das weitere Vorgehen. Da es sinnvoll ist, die Querung über dem Fisch mit einem Seil zu klettern und das zweite erst nach dem Quergang mit zu verwenden, bietet das die Option, den Rucksack erst ein mal im Fisch zu parken und nach der übernächsten Länge hoch zu ziehen. Von diesem Plan ist Stefan sehr begeistert, hat er doch vorgeschlagen, dass ich die nächsten Seillängen wieder vorsteigen sollte. Und, nach der übernächsten Seillänge werden wir auch wissen, ob wir an diesem Tag noch vor der Dunkelheit zum Band hochkommen könnten. Mittlerweile war es 15.30 Uhr und meiner Meinung nach war es eh kaum vorstellbar, dass die Zeit dazu reicht. Außerdem war ich, und Stefan auch, schon ziemlich angemostet. Nichts desto trotz startete ich in die Sektion über dem Fisch. Die nächsten Seillängen sollen nach meiner Information die anspruchs-vollsten werden. Aus dem Fisch heraus kamen anfangs gute Löcher, aber nur eines, in dem ich auch einen Keil legen konnte. Danach ging es vier Meter im 7. Grad ohne Sicherung hoch zur sicht-baren SU-Schlinge. Ein Sturz wäre hier unan-genehm, aber "Die Kletterei hab ich drauf" dachte ich mir. Ab der SU ist die Schwierigkeit für die nächsten Meter mit 5+ angegeben, das wird doch wohl gehen. Schon beim ersten Versuch merke ich, dass da was nicht stimmt.

Ein weiter Spannzug nach links, ohne Tritt, der ganz schwer abzufangen ist. Wieder ein Schmankerl für den Nachsteiger. Danach ging es in guter Lochkletterei weiter, und als ich mal zufällig nach unten sah merkte ich, dass ich schon über dem linken Rand des Fisches stand. An immer noch guten Griffen und auch passablen Sicherungspunkten ging es weiter, und sie sah eigentlich gar nicht so schwer aus, die angebliche 8+Stelle. Es entpuppte sich aber dann doch als ein sehr weiter Zug den ich schließlich mit einem Cliffmove überwand. Ich kam zum Stand und ich war überrascht, wie gut das ging, trotz der mittlerweile extremen Ausgesetztheit. Etwas entspannter, weil ohne Rucksack, stieg Stefan nach und wir tauschten das Material für die nächste Seillänge. Mir war mittlerweile richtig kalt geworden, weshalb auch deutliche Krampfansätze in den Armen aufkamen. Ich war ausgelutscht und spätestens jetzt war mir klar, dass wir heute im Fisch biwakieren werden. Trotzdem wollte ich noch versuchen die nächste, angeblich schwerste Seillänge zu schaffen, damit wir am nächsten Tag ein gutes Polster haben.

Wie schon gesagt, wenn ich die nächsten Sicherungspunkte sehe, dann kann ich mich gut konzentrieren, und so ging es wirklich gut voran. Die Abstände zwischen den Sicherung, die meist 3-5 Meter betrugen konnte ich gut überwinden, und so war ich zügig zur letzten Schlinge unter dem Stand gekommen. Jetzt sah es aber dann doch weit aus, es waren noch ca. fünf Meter zum Stand und ab hier war der Fels sehr kompakt und es gab keine gutgriffigen Löcher und keine Sicherungspunkte mehr. Am späten Abend musste ich noch ein mal die volle Trickkiste auspacken. Mit drei Cliffstellen hintereinander, an nicht optimalen Löchern und immer in die oberste Sprosse der Leiter steigend, musste ich diese Stelle überwinden. Mein Adrenalinspiegel war mittlerweile so hoch, dass ich gar nicht mehr ans Stürzen und somit ans Scheitern denken konnte. Links vom Stand erreiche ich wieder ein gutes Loch und kann mich nach rechts zur Standschlinge lehnen. Wow, das dürfte der Schlüssel zum Erfolg für den "Weg durch den Fisch" gewesen sein. Ein Blick nach oben zeigt strukturiertes Gelände, zwar Überhänge, aber Risse, das dürfte uns morgen nicht mehr aufhalten. Vor lauter Aufregung sind auch die Krampfansätze auf einmal weg, was wohl auf den Adrenalinspiegel zurückzuführen sein dürfte. Schnell richte ich noch den Stand ein, dann geht es zurück in den geschützten Fischbauch. Endlich ausruhen, Lager herrichten, was essen und trinken und den Tag Revue passieren lassen. Mittlerweile ist es 18 Uhr vorbei, ein langer Tag, nach fast 12 Stunden Kletterei. Der Biwakplatz ist leicht abschüssig, aber wir können beide liegen, und für mein erstes Biwak im Gebirge bin ich nicht unzufrieden. Trotzdem schlafe ich nicht viel in dieser Nacht und einmal bekomme ich einen Kältezitteranfall, krass, hatte ich bisher auch noch nicht erlebt. Die Nacht ist lang, aber sternenklar und der Mond scheint direkt in unser Schlafzimmer. Am Morgen machen wir keinen Stress, wir haben ja gut vorprepariert. Das sollte sich jedoch am Schluss rächen.

Die Jümaraktion ist scary und dauert für 50 Meter, 2 Mann und einem Rucksack eine geschlagene Stunde. Die Huberbrüder würden uns auslachen, wir sind aber zufrieden. Jetzt heißt es noch die letzten drei schweren Seillängen bis zum Band an zu gehen. Die Erste entpuppt sich widerborstig und ist definitiv schwerer als die angegebene 6-/A0. Schon von der ersten Sicherung einen Meter über dem Stand geht weit ungesichert hoch, wobei 5 Meter über der Sicherung ein unangenehmer Zug wartet. Hat man den Haken und die SU erreicht folgt ein Seilzugquergang zum Riss, der vollkommen clean zu klettern ist und mit dem Schwierigkeitsgrad 6 aber auch überhaupt nichts zu tun hat. Ich arbeite mich von Keil zu Keil, muss immer wieder zurück, weil mir Expressschlingen fehlen. Beim Hochziehen des Seiles am Stand merke ich, dass ich mich in der Nacht kaum erholt habe, der rechte Unterarmbeuger fängt schon wieder an zu krampfen. Stefan arbeitet sich mit dem Rucksack tapfer hinterher. Der kurze Quergang zur letzten schweren Länge sieht abschreckend aus, entpuppt sich aber dann doch als gut machbar und so haben wir die letzte schwere Seillänge, bei der die Bewertungen zwischen 7- und 8- schwanken, vor uns. Nachdem ich mich entschieden habe den unteren Quergang zu wählen, mache ich noch ein mal einen zwingenden 7er-Zug und bin im Riss, der entgegen all den anderen Seillängen mit Haken gespickt ist. Ohne Freikletterambitionen arbeite ich mich hoch, übers Dach und aufs Band. Ein guter Standplatz, ich bin froh und innerlich richtig erleichtert. Jetzt dürfte dem Erfolg eigentlich nichts mehr im Wege stehen. Als Stefan nachkommt gibt er mir alle Fünf, weil er genauso denkt.

Mittlerweile ist es 11.30 Uhr, es dürfte also knapp werden, die letzte Bahn zu erwischen. Trotzdem müssen wir uns kurz sortieren, einen Schluck trinken und was essen, bevor wir zum Endspurt, was immerhin noch 400 Höhenmeter sind, ansetzen. Die nächsten beiden SEILLÄNGE übernehme ich noch einmal, bevor ich die Führung an Stefan abgeben muss. Ich kann kaum mehr das Seil einholen, ohne dass der rechte Arm verkrampft. Ausdauermäßig ist und war diese Route so ziemlich Anschlag für mich, sowie für Stefan allerdings auch. Die folgenden Seillänge sind nicht schwer und unter Ausnutzung der vollen 60 Meter des Seiles kommen wir doch zügig voran. Der Kamin oben lässt sich mit Ausnahme einer Engstelle, bei der ich den Rucksack ablegen und mit einer verlängerten Schlinge hinter herziehen muss, gut klettern, kostet aber trotzdem Zeit, da kaum Material steckt und die Standplätze meist selbst aufgebaut werden müssen.

Unterwegs werden wir dann noch von einer slowenischen Seilschaft überholt, die in einem irren Tempo durch die "Via dell' Ideale" gerannt sind. Einziger Wehrmutstropfen, als Dank für das genehmigte Überholmanöver, bekomme ich einen richtig guten Schluck Orangenlimonade. Das war wie Wasser in der Wüste, da unser Wasservorrat mittlerweile aufgebraucht war. Oben am Gipfel, oder besser gesagt an der Seilbahnstation angekommen hört Stefan dann die Ansage für die letzten Bahn in 10 Minuten. Zwei kurze Grinsfotos machen wir noch und beeilen uns, die Bahn noch zu erwischen, aber scheiße, wir sind in einer Sackgasse. Wir stehen zwar an der Seilbahnstation , aber wir kommen nicht zum Eingang. Surrr, surrr, surrr, die letzte Bahn fährt ab und wir müssen noch ein mal an der Madonnengrotte, die mittlerweile verglast ist, vorbei und auf der anderen Seite irgendwie durch das Leiternsystem und der Unterkonstruktion der Bahnstation klettern um dann noch ein mal zum Gletscher runter seilen zu müssen. Was für ein Aufwand. Der Versuch von Stefan vom Gletscherwasser zu trinken endet mit der Feststellung, dass dieses dieselverseucht ist. Ich denke nur, "Diese Schweine"!

Ausgelaugt und dehydriert beginnen wir den Abstieg. Anfangs funktioniert das Abrutschen über den harten, jedoch leicht aufgeweichten Schnee noch ganz gut, aber mit der Zeit ist das so anstrengend, dass ich die Koordination für diese Bewegung nicht mehr drauf habe und öfter auf den Arsch falle. So versuche ich mehr laufend vorwärts zu kommen, was genau so anstrengend ist. Es war dann noch ein langer Abstieg über einen gerölligen Weg der Skipiste hinunter zum Fedajasee. Unsere Route war zu Ende, wir auch und ich konnte keine Regung mehr für einen Freudenjauchzer aufbringen, den ich normalerweise nach solch einer Aktion loslasse. Das musste auf später warten. Stefan hat sich bereit erklärt das Auto zu holen, während ich das Material sortiere und mit einem teuren Apfelsaftschorle meinen Durst lösche, aber das war mir in dem Moment völlig egal. Wir gönnten uns noch eine Pizzapause, bevor wir in der Dunkelheit die Heimreise antraten. Erst am nächsten Tag konnte ich so richtig realisieren, was für eine geile Route uns gelungen war. Mein alpiner Klettertraum ist in Erfüllung gegangen. Ich bin stolz, glücklich und freue mich riesig. In den folgenden Tagen wird mein imaginäres Grinsen wohl bis über beide Ohren hinaus reichen.

Mein Resümee: Man darf Träume nicht zu früh aufgeben. Manchmal bekommt man die Chance doch noch, und man sollte dann bereit sein diese Chance zu nutzen. Ich glaube es ist der größte Erfolg dieser Begehung, dass ich den Traum wieder aufgenommen habe und ihn realisieren konnte. Danke Stefan für die Initialzündung und dafür, dass ich mich auf dich als Seilpartner immer voll verlassen konnte. Der "Weg durch den Fisch" wird mir immer in Erinnerung bleiben.

Zum Schluss noch ein paar Daten:

Route:
Marmolada Südwand - "Weg durch den Fisch"
Erstbegeher:
Igor Koller, Indrich Sustr. 2.-4. Aug. 1981
Schwierigkeit:
7+/A3 oder 9-
Kletterlänge:
920 mH, 1220 m Kletterlänge, 37 Seillängen
Zeit:
1-2 Tage
Vorhandenes Material:
alle Standplätze passabel (Ausnahme Ausstiegs-SL) und meist mit Keilen hintersicherbar
bis zum Band ca. 30 ZH, ca. 10 fixe SU und 3-4 fixe Keile vorhanden, alle notwendigen Haken vorhanden
Notwendiges Material:
Camalot bis C3 (0.3-0.5 evtl. doppelt), Linkcam 2
1 Satz Stopper bis Größe 9 (mittlere doppelt)
Tricam Größe 0,5 bis 2 (sehr wichtig)
Schlingen: Kevlar und Dynema für SU und Stand
2 Cliff (schmale Spitze, Radius nicht zu klein), Leiter
15 Expressschlingen
Weitere Empfehlung:
kleines Hakensortiment, ein Hammer
Leichte Biwakausrüstung (guter Platz am Band, Fisch ok)
Wasser:
mind. 2 Liter pro Person, wenn man mehr tragen kann, dann eher mehr
Weitere Infos:
Abseilen ab dem großen Band möglich, aber den "Fisch" hat man nur gemacht, wenn man am Gipfel ankommt!

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